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Verführerische Subversion: Susanne Kamps Innenansichten


US Kunsthistorikerin Prof Paula Burleigh schreibt ueber Susanne Kamps Malerei, 2020

Verführerische Subversion: Susanne Kamps Innenansichten

von Prof Paula Burleigh, PhD

Die Arbeit von Susanne Kamps ist ungeniert maximalistisch: auffallend farbige, kaleidoskopische Konfigurationen von Textur und Mustern transformieren alltägliche Innenräume in faszinierende, räumliche Puzzles. Die Künstlerin hat ihre Arbeit als eine „Tapisserie von Texturen“ bezeichnet, was gekonnt ihre Vorliebe für üppige Oberflächendesigns charakterisiert, insbesondere von Textilien. Kritiker und Historiker haben Kamps Treue gegenüber den abgeflachten Perspektiven und der gesättigten Palette von Henri Matisse und den Fauves, den französischen Farbexperimentalisten des frühen 20. Jahrhunderts, vermerkt. Aber weitere, jüngere historische Vorbilder sind ebenso relevant: Kamps steht im Dialog mit Wayne Thiebauds fröhlichen Torten- und Kuchengemälden, und ihre halluzinatorische Palette und das schwindelerregende Spektrum an Perspektiven huldigt der Arbeit von David Hockney. Hinsichtlich der Thematik tendiert Kamps zu Variationen des Stilllebens, sich entzückend an alltäglichen Ansichten von Möbeln, Trinkgefäßen, Lebensmitteln und Tischoberflächen. Sie schließt sich dabei einer ehrwürdigen Tradition von Künstlern an – Paul Cézanne, Pablo Picasso –, welche mit den alltäglichsten Gegenständen die größten formellen Risiken eingingen. In der Tat, während Kamps Gemälde als üppige Innenräume interpretiert werden können, lösen sie sich bisweilen auch in reine Passagen von Farbe und Form auf, die oftmals multiple Perspektiven aufweisen, welche zu einer einzigen Komposition zusammengefügt werden. Aber zusätzlich zur Vielzahl kunsthistorischer Referenzen weist Kamps Praxis eine zeitgenössische Sensibilität auf, die gänzlich ihre eigene ist. In diesem Essay beleuchte ich die Arten, auf die Kamps innerhalb verschiedener historischer Vermächtnisse arbeitet, um diese durch ihre Auseinandersetzung mit Themen wie Gender, „Camp“ [Anm. d. Übersetzerin: tuntig] und Ritual zu aktualisieren und sogar zu unterlaufen.

Behind the Screen 2019 Oel auf Leinwand, Diptychon 80 x 200 cm/31 x 79 in

Die groß angelegte, panoramische Komposition Behind the Screen (2019) fängt Schlüsselthemen ein, welche im Oeuvre der Künstlerin immer wiederkehren. Auf der einen Seite des Diptychs öffnet sich das lichtdurchflutete Wohnzimmer von Kamps Apartment in Paris hin zu verlockenden Fragmenten eines tiefblauen Himmels. Das gegenüberliegende Paneel zeigt einen bemalten, raumhohen Paravent. Vertraute Elemente eines Stilllebens – Blumen, Vasen, Bücher –, besiedeln das Wohnzimmer, zusammen mit heimeligeren, dekorativen Gegenständen, einschließlich einer großen Flamingofigur und dem Buchstaben e, welcher an der Wand angebracht ist. Zwei Katzen – Seraphine und Carry – schlummern friedlich auf einer eierschalenfarbigen Couch. Während die malerische Pinselführung und die Palette in Edelsteintönen eine Fauvistische Ästhetik des frühen zwanzigsten Jahrhunderts widerspiegeln, verankern anekdotische Einzelheiten – der Flamingo und der benachbarte Kakadu, der an der Wand angebrachte Buchstabe, das ausgesprochen zeitgenössische Sofa – den Raum in einem erkennbar aktuellen Moment. Solche Design-Schnörkel regen provokativ Fragen zu Geschmack und Kitsch an, Grenzen, welche die Künstlerin mit dem bemalten Paravent sogar noch weiter verlegt. In der Geschichte der westlichen Kunst haben Kritiker oftmals bemalte Paravents in die Randgebiete des Designs verbannt; eine Kategorie, welche der Malerei und Bildhauerei untergeordnet ist. Indem sie diese künstlichen Hierarchien ablehnt, umarmt Kamps die häusliche Sphäre und ihren dazugehörigen Nippes. In der Tat, viele ihrer Arbeiten erkunden die Privaträume, welche Individuen zum eigenen Trost und zur eigenen Freude hegen und pflegen.

Kamps Interesse an Design und häuslichen Innenräumen wirft Fragen hinsichtlich der weitgehend unbemerkten Rolle von Gender in ihrer Arbeit auf. Kamps kunsthistorische Auswahl stammt vollumfänglich von Männern; eine Realität, welche von den systemischen Ungleichheiten eingegeben ist, die Ausbildungs- und Ausstellungsmöglichkeiten für Frauen weitaus weniger verfügbar machten. Kamps bedient sich ausgewählter ästhetischer Empfindungen ihrer männlichen künstlerischen Vorfahren, aber erfüllt die daraus resultierenden Kompositionen mit Inhalt, der konventionelle Gendernormen in Frage stellt. Ihr Fokus auf dem häuslichen Innenraum ist bei weitem nicht neutral, sondern die Erkundung eines Raumes, der historisch als feminin gilt.

Belle Epoque 2015 Aquarell auf Papier 100 x 700 cm/39 x 28 in

Das Gemälde Belle Epoque (2015) bringt den Betrachter in eine intime Nähe zu einem Spiegel, der sich auf einem Schminktisch befindet, positioniert neben Schmuck und Parfumflacons. Dort, wo wir uns selbst im Spiegel sehen sollten, sieht man lediglich einen körperlosen, handförmigen Ringhalter, der auf einem wellig gemusterten Stoff schwebt, vor Armbändern an einem Ständer. Ungeachtet der Genderzugehörigkeit des Betrachters, platziert Belle Epoque das Publikum in die Position der feminin performativen Selbstdarstellung, in der Verwicklung in das Ritual der Verschönerung. An anderer Stelle, wie in Fortnum & Mason (2017) und Vintage Shop (2018), wird der Betrachter zum Käufer, der Schaufensterauslagen von Hüten, Schuhen, Damenhandtaschen oder ein aufwändiges Teegeschirr, ausstaffiert mit makellos dekorierten Süßigkeiten, bewundert.

Fortnum & Mason 2017 Oel auf Leinwand 70 x 100 cm/28 x 39 in
Vintage Shop 2018 Oel auf Leinwand 120 x 160 cm/47 x 63 in

Dies sind stilsichere Welten, ausgesprochen feminine und bisweilen an das Konzept von „Camp“ grenzend. Berüchtigt schwierig zu definieren, umschreibt „Camp“ eine ästhetische Empfindung, welche unapologetisch in Stil, Spaß und Überfluss schwelgt, sich dabei irgendwo zwischen sogenanntem guten und schlechten Geschmack bewegend. Letztlich stellt „Camp“ die bloße Existenz von Kategorien wie „gut“ und „schlecht“ in Frage. Die amerikanische Autorin Susan Sontag schrieb im Jahr 1964, was auch weiterhin das bekannteste Essay zu „Camp“ ist. Darin, in „Notes on Camp“, definiert Sontag „Camp“ als „einen Modus der Verführung“, den sie im Folgenden als „[einen] Geist der Extravaganz“ beschreibt. „Camp ist eine Frau, die in einem Kleid aus drei Millionen Federn herumläuft“.

Kamps zeigt uns nicht diese Frau: der Betrachter wird zu dieser Frau, welche ihre fabelhafte Umgebung durchstreift. Selbst die großen Vorreiter des Stilllebens, von Chardin bis Picasso, hätten einige der Objekte, die Kamps routinemäßig darstellt, nicht inkludiert – das zu tun, hätte bedeutet, sich auf feminines Territorium vorzuwagen, welches historisch betrachtet als frivol galt. Aber „Camp“ (und Kamps) lehnt überholte, genderbasierte Hierarchien ab. Stattdessen widmet sie ihre Aufmerksamkeit Tapeten, Fensterauslagen von Geschäften und Textilien. Auf diese Art erkundet Kamps die Themen Design, Konsum und Mode, um das maskuline Erbe der französischen Avantgardemaler radikal zu aktualisieren – und sogar auf den Kopf zu stellen.

Aber das ist noch nicht die ganze Geschichte: um zu Behind the Screen zurückzukehren, können wir Einflüsse jenseits der französischen Avantgarde erkennen. Während der Paravent in der westlichen Tradition oftmals als unwesentliches Designobjekt abgetan wurde, nimmt dieser einen zentralen Platz in der Geschichte der japanischen Kunst ein, einer wichtigen Inspirationsquelle für Kamps. Die flache, grafische Qualität ihres Gemäldes spiegelt ästhetische Konventionen wider, die japanischen Drucken des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts eigen sind – flache Räume, klar umrissene Formen und das Fehlen von Schatten – Stilmittel, die viele europäische Künstler auf ähnliche Art inspiriert haben. Vielleicht erklärt Kamps Assimilierung verschiedener Einflüsse, weshalb sie nie den biederen westlichen Konventionen der Zentralperspektive oder des illusionistischen Raums zugetan war.

Cat Days 2017 Oel auf Leinwand, Diptychon 160 x 280 cm/63 x 110 in

Eine große Innenansicht mit dem Titel Cat Days (2017) veranschaulicht nicht nur das Experimentieren der Künstlerin mit Raum und Perspektive, sondern auch mit der Zeit. Während die Komposition als eine Küche interpretiert werden kann, welche von sich ausruhenden Katzen besiedelt ist, bricht der Raum unter eingehender Beobachtung in eine kubistische Nebeneinanderstellung ungleichartiger Perspektiven auseinander. Der implizite Betrachter ist in Bewegung, aber die Komposition kreist um seine eigene mysteriöse, innere Logik. Losgelöst schwebt der Betrachter über karierten Bodenfliesen, welche unharmonisch kollidieren würden, wären sie nicht von einem langen blauen Tisch überdeckt. Ein hölzerner Hocker scheint viel weiter entfernt als der flache Raum es erlauben sollte. Ein verschmitzter Geist blickt dem Betrachter hinter einer unklar platzierten Pflanze entgegen; uns dazu einladend, dieses visuelle Puzzle zusammenzusetzen. Es sind wohlgemerkt vier Katzen sichtbar, aber in nur zwei Mustern, was darauf hindeutet, dass sich die Szene über einen Zeitraum hinweg entfaltet. Während die multiplen Perspektiven an Cézanne und Picasso erinnern, stehen die kräftigen Umrisse und fortlaufende Erzählung eher in Verlängerung der japanischen Tradition – vielleicht subtil angedeutet in den gemusterten Vasen (ein kürzlicher eBay Kauf der Künstlerin), die wie japanische Lackware aussehen.

Der japanische Einfluss erstreckt sich jenseits von Raum und Zeit. Japanische Paravents, wie der in Behind the Screen dargestellte, dienten als Hintergründe für Rituale, von der Teezeremonie bis zu Tanzdarbietungen. Während die menschliche Figur nur selten in den Arbeiten von Kamps erscheint, gibt es reichlich Hinweise auf die Bewegungen, Handlungen und Verlangen des Körpers. In Form von Macarons, Torten und Kuchen: Versprechen geschmacklichen Genusses sind im Überfluss vorhanden. Aufwändig gedeckte Tische und Teegeschirre legen nahe, dass die Künstlerin weniger an den Nahrungsmitteln selbst, sondern an der Zeremonie deren Verzehrs interessiert ist. In der Tat, während die Malerei sich inhärent an das Sehvermögen richtet, verweist der Inhalt auf eine multi-sensorische Erfahrung anderer Arten: die Vergnügen von Essen und Trinken, den Duft von Parfum, sogar Klang, in Form von Notenblättern. Kamps Kompositionen zelebrieren den Exzess: sie sind farbenfrohe Mischungen, die den Freuden der sinnlichen Erfahrung huldigen, den besten der flüchtigen, zeitgebundenen Vergnügungen des Lebens. Es ist nicht verwunderlich, dass Katzen – die dekadentesten Haustiere – unter den wenigen Lebewesen sind, welche die Gemälde besiedeln.

Notting Hill 2010 Oel auf Leinwand 180 x 220 cm/71 x 87 in

Vor allem ist die Arbeit von Kamps eine ganz eigene visuelle Sprache, welche sich nahtlos zwischen gelebter Erfahrung und einer grafischen Welt aus Farbe und Linien bewegt. In Notting Hill (2010), ein Gemälde basierend auf der Londoner Wohnung, welche sich die Künstlerin mit ihrem Ehemann teilt, stellt Kamps den Besuch einer Van Gogh Ausstellung im British Museum dar, mit einem Poster von Van Goghs Sonnenblumen an der Wand (tatsächlich existierte das Bild auf dem Umschlag eines gekauften Ausstellungskatalogs). Sie hat das Betrachten eines echten Pfaus im Holland Park in Form eines prächtig gemalten Vogels umgesetzt, der bei einer Tür steht, was an ein Motiv aus Whistlers Peacock Room (1877) erinnert. Der Betrachter kann lediglich die leeren Rückseiten mehrerer Leinwände ausmachen, welche gegen die Wand gelehnt stehen, was auf weitere Erinnerungen, Erfahrungen und Einflüsse hindeutet, die allesamt darauf warten, in visuelle Codes übersetzt zu werden. Um noch ein letztes Mal zu Behind the Screen zurückzukehren, Kamps Paravent ist mehr als ein Designobjekt und ein Eckpfeiler der japanischen Kunstgeschichte; er ist auch ein Gemälde innerhalb eines Gemäldes, welches auf einen echten Paravent verweist – Paravan No. 3 (2004) –, den Kamps im Stil von Matisse gemalt hat. Es ist einfach, sich in diesem komplexen Labyrinth zu verirren, welches sich geschickt zwischen dem tatsächlichen Objekt und der flachen Komposition bewegt, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es ist eine angenehme, wenn auch schwindelerregende Reise.

Susanne Kamps in ihrem Atelier in Dusseldorf 2019

Ein Foto der Künstlerin in ihrem Atelier, auf dem sie vor neun kleinen Ölgemälden steht, die in einem dichten Raster arrangiert sind, betont die Art, auf die die Gemälde an einem laufenden Gespräch teilnehmen. In der Tat, Kamps betrachtet diese Sammlung als eine einzige Arbeit, welche neun Ansichten von Paris darstellt, und sie hat andere, ähnlich konfigurierte Arbeiten kreiert – neun Ansichten von Japan, neun Ansichten von Ghana –, welche nahezu als Installationen fungieren. Voller Referenzen, liest sich das Foto wie eines ihrer Gemälde: visuell dekadent, eine immersive Welt aus Farben, Szenen und Perspektiven, die zu einer Vision verwoben sind, welche erkennbar ist, aber gemäß Regeln konstruiert, die gänzlich Kamps eigene sind.

Paula Burleigh, PhD
Meadville, Pennsylvania USA
August 2020

Paula Burleigh ist die Direktorin der Allegheny Art Galleries und Assistenz-Professorin für Kunstgeschichte am Allegheny College in Meadville, Pennsylvania. Burleigh verfügt über einen PhD in Kunstgeschichte vom Graduate Center der City University von New York. Burleigh ist ein Joan Tisch Teaching Fellow am Whitney Museum für American Art, New York gewesen und Dozentin am Museum of Modern Art, New York. Ihre Texte sind in der Brooklyn Rail, auf Artforum.com, in den Stedelijk Studies, im Art Journal sowie in verschiedenen Sammelbänden erschienen.